Noch

sind weder die Umstände

noch die Täter sicher

und gleich drehen alle am Rad

Es ist ja so

der Terror

das ist das große Problem unserer Zeit

sagen sie

aber kein Wort zu Aleppo

wo bedeutend mehr Menschen starben

kein Wort zu den Morden

NSU

und den Anschlägen der „Besorgten“

Freital

und dem Schützen in Zürich

Und sicher

Beileid ist nie vergeudet

und was geschah ist furchtbar

aber

noch wissen wir nichts

und mutmaßen viel

während wir bei anderen Anschlägen

wissen

und vorgeben

nicht mutmaßen zu wollen.

Die Welt färbt sich grau

und jeder Sonnenstrahl wirkt fehl am Platz

Ich habe seit Tagen nicht mehr

aufgeräumt

äußerlich und innerlich

und irgendetwas

vergammelt in meiner Küche

vielleicht auch in mir

 

Der Aschenbecher quillt über

 

Seit Tagen keine Wäsche gewaschen

Seit Tagen nicht geduscht

immerhin schaffe ich es noch

einmal am Tag zu lüften

den Mief aus der Wohnung zu lassen

eine Illusion von Alltag

 

Ich habe tagelang mit niemandem gesprochen

 

Womit ich meine Zeit verbringe:

darüber nachzudenken,

was ich tun könnte

wenn die Gravitation der Couch nicht so hoch wäre

und einmal kurz das Haus verlassen

um den Müll rauszubringen

gibt mir das Gefühl

etwas geschafft zu haben

 

Eigentlich will ich gar nicht mehr reden

Eigentlich will ich nur Nähe

 

Und dann Nachrichten lesen

die sächsische Polizei versagt

immer mehr

und der NSU-Prozess

wird immer verworrener

und das Schlimmste daran ist

dass wir uns daran gewöhnen

 

Da ist eine Leere in mir

ein schwarzes Loch

und so viel Gefühl

und manchmal vergesse ich einfach

den Wind durchpfeifen zu lassen

Vielleicht implodiere ich heut Nacht

 

*Die Depression hat mich wieder. Vielleicht dauert es ein wenig, bis ich wieder was posten kann. Aber das kennt ihr ja schon^^

Bomben auf Gottesthäuser

in Dresden

das gab’s schonmal

 

und die gleiche Gesinnung

die damals dazu führte

das Gottes Haus

ausbrannte

ausgebrannt wurde

züngelt jetzt wieder empor

und

genauso wenig

wie es damals

um Gott ging

geht es jetzt um Religion.

Es geht um Hass.

 

Die eine Bombe den Hass zu beenden

Die andre Bombe den Hass zu entfachen

 

Dunkeldeutschland

oder

Kaltland

und ihr tut so

als ob eine brennende Moschee

Wärme spendet

als ob sie

im Dunklen leuchtet

 

Ihr Irrlichter

 

Brandstiftung bleibt Brandstiftung

ob Böller, Bomben

oder Hetze

Ich hoffe, ihr verbrennt euch die Finger.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auf diesem Blog keine persönlichen Posts zu verfassen, wie ich es früher auf meinem Alten getan habe. Eigentlich wollte ich mich hier hauptsächlich mit Kunst beschäftigen, und ein kleines bisschen mit Politik. Aber das persönliche ist politisch, und es reicht mir nicht mehr, nur auf Twitter herumzupöbeln. Das, was ich sagen will, braucht bedeutend mehr als 140 Zeichen.

Ich war nicht immer politisch aktiv. Früher war ich eher politisch passiv. Als Teenager hatte ich keine Ahnung von politischen Theorien oder den großen Zusammenhängen. Kapitalismus war irgendwie scheiße, aber ich war nicht dazu in der Lage, den Finger darauf zu legen, warum. Mit etwa 17 machte ich ein Schulpraktikum beim Informationszentrum für Menschenrechte, was meine Lehrkräfte schwer beeindruckte, aber abgesehen davon, dass ich dort eine Menge Bücher über kapitalistische Ausbeutung und Beschneidung von Mädchen las, lernte ich kaum etwas darüber, was das tatsächlich bedeuten sollte. Die Fakten harkten sich in meinem Gehirn fest, die emotionale Verknüpfung blieb hingegen aus.

Vor fünf Jahren, kurz vor meinem Abitur, änderte sich das durch meine Geschichtslehrerin. Geschichte war eines der Fächer, in denen ich irgendwie gut war (ich konnte mir Jahreszahlen und Zusammenhänge so halbwegs merken), aber denen ich nicht sonderlich viel Interesse entgegenbrachte (was bringt es mir denn, zu wissen, was vor zweihundert, fünfhundert Jahren passiert ist?). Diese Lehrerin stellte sich also vor die Klasse und erklärte: Wir machen jetzt Geschichtsunterricht aus der Zukunft.

Das war im Februar 2011. Statt uns mit den wirtschaftlichen Verhältnissen der Weimarer Republik zu beschäftigen, die eigentlich Gegenstand der Abitursprüfung waren, lenkte sie unseren Blick auf Ägypten, Tunesien und Lybien. Es ging um die Charta der Menschenrechte, es ging um Freiheit und Revolte. Als im März die Aufstände in Spanien begannen, sich die Democratia Real Ya! formierte und schließlich zur internationalen Occupy-Bewegung anwuchs, gab es für mich kein Halten mehr. Ich engagierte mich bei internationalen Occupy-Gruppen, der Anti-AKW-Bewegung, und versuchte zu begreifen, was in dieser Welt eigentlich vor sich ging. Die Puzzlestücke waren an ihren Platz gefallen, auf einmal ergab es Sinn, zu verstehen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, wie historische Ereignisse andere historische Ereignisse beeinflusst haben und immer noch beeinflussen.

Seitdem verfolge ich fast schon akribisch die Nachrichten, spreche in meinem Freundeskreis viel über Politik, erstelle Prognosen für die Zukunft. Die Politik (und damit meine ich nicht die Parlamentspolitik) ist für mich mehr als ein „Hobby“, sie ist zum wichtigsten Fixpunkt meines Lebens geworden. Sie hat meinem moralischen Kompass einen Norden gegeben, an dem ich mich orientieren kann. Der Feminismus hat dafür gesorgt, dass ich meine Essstörung hinter mir lassen konnte. Selfcare ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden. Die Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus hat mir gezeigt, dass es unmöglich ist, als weiße Deutsche komplett Rassismusfrei aufzuwachsen, es aber sehr wohl möglich ist, sein eigenes Handeln diesbezüglich zu reflektieren. Die Auseinandersetzung mit mir selbst im Kontext meiner Umwelt hat mich gelehrt, dass nicht ich der Fehler im System bin, sondern dass das System selbst fehlerhaft und dazu noch völlig außer Kontrolle geraten ist. Das ist eine erschreckende Erkenntnis. Trotzdem gibt es keinen Tag, an dem ich mir wünsche, diese Erkenntnis nicht gehabt zu haben.

In anbetracht der NSU-Morde, der fast 1000 Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten im letzten Jahr, dem Aufschwung von AFD und PEGIDA sehen meine Prognosen derzeit sehr düster aus. Wenn ich in meinem Freundeskreis über 2016 rede, spreche ich vom Jahr „‘33 2.0“, auch wenn die Stimmung vielleicht eher mit denen der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist. Durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist mir mittlerweile klar geworden: Das erste Nazi-Deutschland hätte ich nicht überlebt. Ein zweites Nazi-Deutschland, sollte es tatsächlich dazu kommen, werde ich nicht überleben. Als psychisch-“kranke“, queere Person, arbeitslos und außerdem kritisch denkend, wäre ich ohne Umschweife in einem Konzentrationslager gelandet. Wenn meine weißen, heterosexuellen und politisch zwar interessierten, aber eigentlich eher passiven Freund*innen davon sprechen, dass sie auswandern werden, sobald es hier ungemütlich wird, frage ich mich, warum. Für sie besteht weniger Gefahr als für mich und selbst ich bin mit meiner weißen Haut und meinem deutschen Pass überdurchschnittlich privilegiert. Wenn alle das Land verlassen, die dem Rechtsruck etwas entgegen zu setzen hätten, was passiert dann? Und wenn wir gehen, sind wir dann nicht auch „nur“ Flüchtlinge? Diejenigen, die den Weg über das Mittelmeer auf sich nehmen, waren in Syrien Ärzt*innen, Anwält*innen, gut situiert in der Mittelschicht, teilweise auch darüber. Was lässt uns glauben, dass wenn wir fliehen, es uns irgendwo anders besser ergeht, als den Leuten, die hier Zuflucht suchen? Ist es da nicht sinnvoller, sich konkret mit den Geflüchteten zu solidarisieren? Dazu aufzurufen, die Grenzen zu öffnen? Sich öffentlich gegen den Rechtsruck in Europa und den USA auszusprechen, den Waffenhandel und die Wirtschaftlichen Interessen zu kritisieren?

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die keine Lust mehr haben, so etwas zu lesen. Aber – und das dürfen wir nicht vergessen – das was heute passiert, ist die Geschichte von Morgen. Ich bin nicht dazu bereit, in 20 Jahren gefragt zu werden: Warum hast du nichts unternommen? Wie konnte es nur dazu kommen?

Die letzten Zeitzeugen sind noch nicht einmal tot.

Es ist an uns, zu verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt.

Dass das Besteigen des Bürokratieberges viel Energie erforderte, war W. schon lange vorher erzählt worden, dennoch war sie der Überzeugung gewesen, dass es sich hierbei schlicht und ergreifend um unstimmiges Gejammer handeln musste. Als nun der Berg sich vor ihr auftürmte und beim Näherkommen sogar zu wachsen schien, glaubte sie den Erzählungen sofort.

Am Eingang des Berges standen müde, ausgelaugte Gestalten mit Formularen in den Händen, auf die sie mit leerem Blick stierten. Einige hatten sich hingesetzt und kauten auf ihren Kugelschreibern, manche hatten sie bereits entzwei gebissen, ohne es zu merken, und ihre Gesichter waren tintenverschmiert.

W. betrat den Eingang, einen dunklen Tunnel, der sich kilometerweit und spiralförmig in den Berg hinein fraß. Er war leer. Selbstbewusst wanderte sie durch den spärlich beleuchteten Gang, von dem sich Höhlen abzweigten, in denen Trolle saßen. Die meisten Höhlen waren mit Papier ausgekleidet und die Trolle hatten allerhand damit zu tun, sich durch die Papierstapel zu wühlen, um ihre Höhlen auszubauen, so sah es zumindest aus. Nachdem W. bereits zwei Stunden geradeaus gelaufen war, ohne auch nur einem weiteren Bergsteiger zu begegnen, fasste sie sich ein Herz und wandte sich an den nächsten Troll, dem sie begegnete.

„Um den Berg besteigen zu dürfen, müssen Sie zunächst ein Bürokratiebergbesteigungsantragsformular ausfüllen“, sagte der Troll, „Sie bekommen es in Höhle dreihundertfünfundzwanzig.“

„Wo finde ich diese Höhle?“, fragte W. Der Troll gab keine Antwort und vergrub sich in seinem Papierstapel. Verwirrt ging W. weiter. Der nächste Troll, den sie traf,informierte sie darüber, dass er zwar nicht wüsste, in wo sich Höhle dreihundertfünfundzwanzig befand, aber er befände sich in Höhle zweihundertachtundsechzig, es könne also nicht mehr weit sein. Voller Hoffnung machte sich W. auf den Weg. Je tiefer sie in den Berg hinein ging, desto wärmer wurde es. In einem der Abzweige sah sie, wie einige Trolle Papiere in einen riesigen gusseisernen Ofen warfen. „Was genau tun Sie da?“ fragte sie. Die Trolle hielten inne und sahen sie verwirrt an. „Wir machen nur unsere Arbeit.“ sagten sie und fuhren damit fort, Papier in den Ofen zu werfen.

Als W. die Höhle betrat, von der sie glaubte, dass es sich um Höhle dreihundertfünfundzwanzig handele, sah sie einen Troll dort liegen und schlafen. „Entschuldigen Sie,“ sagte sie, „Ich benötige das Antragsformular für das Erklimmen dieses Berges. Der Troll erwachte und sagte ungehalten: „Dafür bin ich nicht zuständig!“ „Aber mir wurde gesagt, dass ich dieses Formular hier bekommen würde.“ antwortete W. „Nicht bei mir, in Höhle dreihundertfünfundzwanzig!“ keifte der Troll zurück, „Das hier ist Höhle zweiundvierzig, hier gibt es keine Formulare, hier gibt es nur Antworten!“ „Nun, wenn ich hier Antworten bekomme, wo finde ich dann Höhle dreihundertfünfundzwanzig?“ „Dafür müssen Sie ein Antwortantragsformular ausfüllen.“ „Und wo bekomme ich das?“ „In Höhle neunundsiebzig!“ „Und wo finde ich die?“ „Dafür müssen Sie ein Antwortantragsformular ausfüllen.“ W. Seufzte und machte sich auf den Rückweg. Die Nummerierungen der Höhlen schien willkürlich zu sein und so machte sie sich daran, jeden einzelnen Troll, dem sie begegnete, nach seiner Höhlennummer zu fragen, auch in der Hoffnung, dabei zufällig auf Höhle dreihundertfünfundzwanzig zu treffen. Während sie so den Gang entlang wanderte, sah sie den Trollen bei ihrer Arbeit zu und war erstaunt, welchen Beschäftigungen diese nachgingen. In Höhle einhundertsiebenunddreißig saß ein Troll, las etwas, was auf einem Papier stand, knüllte es dann zusammen und verschlang es. Dabei rief er laut: „Antrag abgelehnt!“ In Höhle sechundneunzig war ein Troll damit beschäftigt, das Papier fein säuberlich zu ordnen, ohne auch nur einen Blick auf das darauf geschriebene zu werfen und in Höhle zweihunderteinunddreißig bewarfen sich zwei Trolle mit Papierkügelchen.

Als W. endlich Höhle neunundsiebzig fand, war diese leer. Nur ein Schild stand darin mit der Aufschrift: Ich mache gerade Mittagspause. Die Vertretung für Antwortantragsformulare finden Sie in Höhle einhundertsiebenundsiebzig.

Da W. nichts anderes übrig blieb, machte sie sich daran, diese Höhle zu suchen. Der Troll, den sie nach Stunden des Suchens fand, verwies sie wieder an Höhle neunundsiebzig, denn der dort beschäftigte Troll sei nun aus der Mittagspause zurück. Froh darüber, endlich zu wissen, wo sie hin musste, begab sich W. zu Höhle neunundsiebzig und der griesgrämig dreinblickende Troll händigte ihr das Antwortantragsformular aus. Als sie auf das Papier blickte, sah sie, dass der Antrag in einer Sprache geschrieben war, die sie nicht verstand. „Entschuldigen Sie,“ sagte sie zu dem Troll, „können Sie mir das hier übersetzen?“ „Haben Sie etwa kein Trollisch gelernt, bevor Sie zu mir gekommen sind?“ fragte der Troll. „Nein, das habe ich nicht.“ antwortete W. „Nun, Sie müssen zunächst Trollisch lernen.“ erwiderte der Troll, „Ein Wörterbuch finden Sie in Höhle neunundneunzig.“ Langsam ein wenig genervt begann W. die Suche nach Höhle neunundneunzig. Als sie sie Stunden später gefunden und ein Wörterbuch ergattert hatte, setzte sie sich in den Gang und begann damit, das Antwortantragsformular zu übersetzen. Kurz darauf kam ein Troll vorbei. „Was machen Sie da?“ fragte der Troll. „Nun, ich versuche dieses Antwortantragsformular zu übersetzen.“ antwortete W. „Können Sie mir vielleicht dabei helfen?“ „Tut mir Leid,“ antwortete der Troll, „das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich muss Sie außerdem darauf hinweisen, dass es Ihnen untersagt ist, in den Gängen herum zu lungern. Ich muss Sie leider bitten, sich der Übersetzung in Höhle zweiunddreißig anzunehmen, dafür ist sie da.“

Höhle zweiunddreißig war nicht schwer zu finden, denn es war bisher die einzige Höhle, in der sich kein Troll befand. Stattdessen saßen darin einige der Gestalten, die W. bereits vor dem Berg getroffen hatte, aber keine von ihnen war ansprechbar. Sie waren alle in ihre Wörterbücher vertieft und kritzelten etwas auf die Rückseiten ihrer Anträge.

Drei Tage verbrachte W. damit, das Antwortantragsformular zu übersetzen und weitere zwei damit, den Antrag auszufüllen. Sie war hungrig und müde, aber arbeitete ohne Pause, denn sie wusste aus Erzählungen, dass ein zu spätes Einreichen eines Antrags die generelle Ablehnung dessen bedeutete. Als sie mit dem ausgefüllten Antrag in Höhle zweiundvierzig aufschlug, schlief der zuständige Troll immer noch. „Entschuldigen Sie,“ sagte W., „Ich habe hier ein ausgefülltes Antwortantragsformular.“ Der Troll erwachte mürrisch und warf einen Blick darauf. „Kommen Sie morgen wieder, ich muss das erst bearbeiten.“ sagte er. „Sie können sich in Höhle vierhundertundeins ausruhen. Ich werde Sie aufrufen, wenn ich fertig bin.“ Dann legte er sich wieder schlafen. Der Verzweiflung nahe machte W. Sich auf den Weg zu Höhle vierhundertundeins. Dort saßen weitere Gestalten, die sich bemühten, nicht einzuschlafen.

„Warum schlaft ihr nicht?“ fragte W. „Wir wissen nicht, wann wir aufgerufen werden.“ antworteten sie. „Wenn wir den Aufruf verpassen, können wir keinen weiteren Antrag einreichen.“ Das schien einleuchtend zu sein, also setzte sich W. Zu ihnen und wartete.

Die Wochen vergingen, ohne dass sie aufgerufen wurde und in ihrer Verzweiflung begann W. damit, sich von dem Papier zu ernähren, von dem sie umgeben war.

W. machte sich schließlich wieder auf zu Höhle zweiundvierzig, da sie immer noch nicht aufgerufen worden war. Der Troll in der Höhle schlief. „Guten Tag,“ sagte W. „ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich bin hier um endlich meine Antwort zu bekommen.“ Der Troll erwachte und begann, die Stapel von Papier zu durchkämmen. Nachdem W. ihm einige Stunden bei der Arbeit zugesehen hatte, zog sie schließlich eigenmächtig ein Papier aus dem Stapel. „Hier ist es.“ sagte sie. Der Troll blickte sie verdutzt an, warf einen Blick auf das Papier, runzelte die Stirn und sagte: „Höhle dreihundertfünfundzwanzig befindet sich am Eingang des Berges, die erste Höhle, auf die Sie treffen.“ Ohne sich zu bedanken und ihren Zorn gerade noch so im Zaum haltend machte sich W. auf den Weg zum Eingang des Berges. In Höhle dreihundertfünfundzwanzig saß ein Troll, der Papierschiffe faltete. „Guten Tag,“ sagte W. „Ich benötige ein Bürokratiebergbesteigungsantragsformular. Der Troll lachte und warf ihr ein Papierschiff an den Kopf. „Da haben Sie Ihr Antragsformular!“ rief er. W. faltete das Papier auseinander und sah, dass es leer war. „Entschuldigen Sie, hier steht gar nichts drauf.“ sagte sie. „Ist das mein Problem?“ fragte der Troll. „Nun, ich dachte…“ „Fragen Sie in Höhle zweiundvierzig nach!“ In weiser Voraussicht machte W. zunächst einen Stop in Höhle neunundsiebzig, um ein weiteres Antwortantragsformular abzuholen und in Höhle zweiunddreißig, um dieses zu übersetzen und auszufüllen. Nachdem sie den Antrag mit der Frage „Wie muss ich das Bürokratiebergbesteigungsantragsformular ausfüllen?“ abgegeben hatte, begab sie sich wieder in Höhle vierhundertundeins, um dort zu warten. Diesmal dauerte es nur ein paar Tage, bis sie aufgerufen wurde. „Sie haben das Bürokratiebergbesteigungsantragsformular bekommen?“ fragte der mürrische Troll. „Ja,“ antwortete W., „aber es ist leer.“ „Nun, Sie müssen diesen Antrag selbst schreiben.“ antwortete der Troll. „Und wie soll ich das machen?“ fragte W. „Das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.“ antwortete der Troll und W. verlor die Beherrschung: „Ich will den Verantwortlichen sprechen!“ schrie sie. „Sicher doch,“, antwortete der Troll, „Sie finden ihn in Höhle eintausendneunhundertneunundneunzig.“ Wutentbrannt rannte W. Durch den Gang und schrie jedem Troll, dem Sie begegnete zu: „Sind Sie hier der Verantwortliche?“ aber alle schüttelten den Kopf. Als W. Schließlich zu Höhle eintausnendneunhundertneunundneunzig kam, musste sie feststellen, dass diese Höhle leer war. Es befanden sich darin nichts als Spiegel.

Da ist sie wieder, die „unpolitische Jugend von heute“.

Oder eben auch nicht.

Kurz vor Weihnachten hatte ich das Vergnügen, eine Inszenierung des Kurses Darstellendes Spiel vom Schulzentrum Rübekamp (Bremen) mit dem Titel „Wem gehört die Welt?“ beiwohnen zu dürfen und ich muss gestehen, dass dies einer der besten Beiträge zur aktuell in den Medien stark diskutierten „Flüchtlingsdebatte“ war.

Die Jugendlichen zeichnen ein Szenario in nicht allzu ferner Zukunft, in dem nach Klimakatastrophen und Bürgerkriegen die Europäer*innen und vor allem Deutschen es sind, die Zuflucht auf dem afrikanischen Kontinent (präziser: in Angola) suchen.

Der Kurs hat sich sehr intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt und hervorragend recherchiert. So ziehen sie immer wieder Parallelen zum politischen Diskurs in Deutschland. Sei es die Präsidentin von Angola, die einem griechischen Flüchtlingsmädchen über den Kopf streichelt oder der PAGEDA („Patriotische Afrikaner gegen die Europäisierung des Afrikalandes“)-Aufmarsch.

Die Szenen sind stakkatohaft aneinander gereiht: hier ein Hinterzimmergespräch der fiktiven Regierung Angolas, die sich überlegt, wie es sich gegen Flüchtlinge hetzen lässt, ohne dabei zu offensichtlich zu sein, ein Stammtischgespräch über „diese weißen Schmarotzer“, mal ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter in einer Unterkunft über fehlende Zukunftsperspektiven oder eine beklemmende Darstellung der Flucht in unsicheren Booten über das Mittelmeer.

Der Kurs besteht etwa zur Hälfte aus People of Color, was das ganze ungemein Authentisch macht. Rassistische Strukturen werden umgedreht und ähnlich wie in Noah Sow’s „Deutschland Schwarz Weiß“ werden weiße Zuschauer*innen mit dem Kopf drauf gestoßen.

Der einzige Kritikpunkt, den ich im nachhinein anzumerken habe, ist dass sich Rassismus nicht ganz so einfach umdrehen lässt, weil die Strukturen aus der Kolonialzeit bis heute nachwirken. Beim Betrachten des Stücks ist mir das aber nicht aufgefallen und ich wurde ganz großartig unterhalten.

 

Aufgrund der großen Nachfrage gibt es am Sonntag, 24. Januar 2016 eine einmalige Wiederaufnahme des Stücks! (Also hin da!)

Wann? 19.30 Uhr(Einlass ist 19.00 Uhr)

Wo? Bürgerhaus Hemelingen, Godehardstr. 4, 28309 Bremen

Wieviel? 8€/Ermäßigt 4€

Karten gibt es bei Markus Schrader unter maschra@uni-bremen.de

Die Einnahmen gehen an die Flüchtlingshilfe Bremen.

Im Mittelmeer ertrinkt ein zweijähriges Kind

eine Unterkunft in wird angegriffen

drei Tage in Folge

in Assamstadt

und in Dreieich

wird ein Mann angeschossen

im Schlaf

Drei Schüsse aus dem Nichts

und keine Hinweise auf die Täter

aber sicher ist das kein Rassismus

es wird in alle Richtungen ermittelt

und es wirkt fast schon absurd

wenn rechte Populisten versuchen

sich in feministischem Licht darzustellen

weil Frauen in Köln angegriffen wurden

wir wissen alle

die Resonanz wär niemals so groß

wären die Täter weiß

und wir wissen alle

auch auf dem Oktoberfest passieren solche Dinge

und schlimmere

aber da fragt Kristina Schröder nicht,

ob das

vielleicht

mit deutschen Männlichkeitskonstrukten

zu tun hat

Das Jahr hat gerade erst begonnen.

Merry Crisis

& a Happy New Fear.